Der öffentliche Personennahverkehr in und um Tunis ist kein Hochglanzsystem, aber er funktioniert – auf seine ganz eigene, nordafrikanisch-pragmatische Art. Wer ihn verstehen will, muss sich von mitteleuropäischen Vorstellungen von Taktfahrplan, Liniennetzplänen und App-basierter Perfektion verabschieden. Stattdessen regieren Improvisation, soziale Nähe und ein erstaunlich robustes Grundsystem.
Straßenbahn in Tunis – ein recht verlässliches Verkehrsmittel
Das Rückgrat des urbanen Verkehrs bildet die Straßenbahn, offiziell „Métro léger de Tunis“. Sie ist weder klassische Tram noch echte U-Bahn, sondern eine leistungsfähige Stadtbahn mit eigenem Gleiskörper auf weiten Strecken. Mehrere Linien verbinden das Stadtzentrum mit dicht besiedelten Vororten wie Ariana, Ben Arous oder El Mourouj. Gerade im Berufsverkehr ist die Straßenbahn eines der verlässlichsten Verkehrsmittel der Stadt. Sie umgeht den notorisch verstopften Autoverkehr, fährt relativ regelmäßig und ist für die Mehrheit der Bevölkerung erschwinglich. Die Fahrzeuge sind oft voll, manchmal übervoll, aber sie rollen. Tickets sind billig, werden klassisch am Kiosk gekauft und haben mit kontaktlosem Bezahlen nichts zu tun. Digital ist hier wenig, funktional dagegen erstaunlich viel.

Busverkehr: billig, dicht, unberechenbar
Ergänzt wird die Straßenbahn durch ein weit verzweigtes Busnetz. Theoretisch deckt es fast jeden Winkel der Stadt ab, praktisch ist es ohne lokale Kenntnisse schwer zu durchschauen. Linienführungen ändern sich, Haltestellen sind nicht immer klar markiert, Fahrpläne eher Empfehlung als Versprechen. Busfahren in Tunis ist günstig, aber zeitlich unberechenbar. Wer es eilig hat, setzt besser auf Schiene oder Taxi. Wer Zeit hat, lernt im Bus dafür mehr über tunesische Alltagsrealität als in jedem Museum.

Futuristisch? BYD testet Elektrobusse in der tunesischen Hauptstadt.
Louagen: Das inoffizielle Schnellverkehrssystem
Sobald man die Stadtgrenzen verlässt oder flexibel zwischen Stadtteilen und Nachbarorten unterwegs sein will, kommt man an den Louagen nicht vorbei. Louagen sind Sammeltaxis, meist weiße Kleinbusse, die festen Routen folgen, aber keinen festen Fahrplan haben. Sie fahren erst los, wenn alle Plätze besetzt sind. Das kann fünf Minuten dauern oder eine halbe Stunde. Bezahlt wird bar, direkt oder über einen Schalter an der Louage-Station. In Tunis gibt es mehrere dieser Stationen, jeweils nach Himmelsrichtungen organisiert. Wer in den Norden will, fährt von einer anderen Station ab als jemand, der in den Süden möchte.

Louagen sind schnell, oft schneller als Busse und Züge, weil sie direkter fahren und unterwegs flexibel halten können. Sie sind außerdem ein soziales Transportmittel: Man sitzt dicht beieinander, kommt ins Gespräch, teilt sich Hitze, Musik und Fahrstil. Komfort ist relativ, Effizienz dagegen hoch. Für viele Tunesier sind Louagen das wichtigste Verkehrsmittel überhaupt, insbesondere dort, wo Bahnlinien fehlen oder Busse unzuverlässig sind.
| Farbe des Streifens | Bedeutung / Einsatz | Beispiele |
|---|---|---|
| Rot | Fernstrecken zwischen großen Städten | Tunis ↔ Sousse, Tunis ↔ Sfax – längere Intercity‑Verbindungen |
| Blau | Regionale Verbindungen (innerhalb eines Gouvernorats oder zwischen nahegelegenen Städten) | Routen im Sahel (zum Beispiel Sousse ↔ Monastir) |
| Gelb | Ländliche Routen oder innerstädtische Koppelstrecken | Kleinere Orte, Dörfer oder lokale Verbindungen |
| Grün (in manchen Quellen) | Weitere regionale / Inland‑Routen | Z. B. Richtung Nordwesten oder Binnenland (je nach Region) |

Mit der TGM in den Nordwesten der tunesischen Hauptstadt
Die TGM-Linie – vollständig „Tunis–Goulette–Marsâ“ – ist die elegante Nebenrolle im Verkehrsorchester von Tunis, mit deutlich mehr Meerblick als die übrigen Instrumente. Funktional ist sie die klassische Vorortbahn: Sie verbindet das Stadtzentrum von Tunis mit den nordöstlichen Küstenvororten La Goulette, Karthago, Sidi Bou Said und La Marsa. Damit erschließt sie genau jene Achse, in der Wohnen, Arbeiten, Geschichte und Wochenendromantik zusammentreffen.

Im Alltag ist die TGM vor allem eine Pendlerlinie. Viele Bewohner der wohlhabenderen Küstenvororte nutzen sie täglich, um ins Zentrum von Tunis zu kommen. Sie entlastet damit die chronisch überfüllten Ausfallstraßen und ergänzt die Straßenbahn sinnvoll dort, wo diese nicht hinreicht. Gleichzeitig ist die TGM eine der wenigen Bahnverbindungen in Tunesien, die wirklich städtisch geprägt sind: kurze Haltestellenabstände, dichter Verkehr, klare Ausrichtung auf den Nahverkehr.
Daneben hat die Linie eine zweite, fast unbeabsichtigte Funktion: Sie ist die Touristenbahn von Tunis. Wer nach Karthago oder Sidi Bou Said will, landet zwangsläufig in der TGM. Billiger, direkter und ehrlicher kommt man kaum zu römischen Ruinen oder blau-weißen Postkartenmotiven. Dass Pendler, Schüler, Händler und Touristen hier Schulter an Schulter fahren, ist kein Makel, sondern Teil des Konzepts.

Technisch ist die TGM alt, stellenweise sehr alt. Sie war eine der ersten elektrifizierten Bahnlinien Afrikas und sieht auch so aus. Komfort ist überschaubar, Zuverlässigkeit akzeptabel, Charme unfreiwillig. Aber sie tut genau das, was sie soll: Sie verbindet Stadt, Hafen, Geschichte und Vororte entlang einer klaren Achse. Kurz gesagt: Die TGM ist keine Hochleistungsbahn und kein Prestigeprojekt, sondern eine pragmatische Lebensader. Sie bringt Menschen zur Arbeit, Besucher zu Sehenswürdigkeiten und Tunis ein Stück Ordnung entlang der Küste. Weniger Glamour als eine Metro, aber deutlich mehr Bedeutung, als man ihr auf den ersten Blick zutraut.

Fazit:
Unterm Strich ist der ÖPNV in Tunis kein System für Perfektionisten, sondern für Pragmatiker. Die Straßenbahn sorgt für Struktur, Busse füllen die Lücken, Louagen liefern Geschwindigkeit und Flexibilität. Wer sich darauf einlässt, kommt nicht nur ans Ziel, sondern versteht die Stadt ein gutes Stück besser. Pünktlichkeit ist hier keine Tugend, Anpassungsfähigkeit schon.
Quellen:
- https://fr.wikipedia.org/wiki/M%C3%A9tro_l%C3%A9ger_de_Tunis
- https://www.transtu.tn
- https://www.atlas-guide.com/africa/tunisia-guide/transport
- https://www.tunispro.net/tunisia/public-transport-in-tunisia.htm
- https://carthagemagazine.com/traveling-around-tunisia/
- https://wildyness.com/news/louage-guide-Tunisia
Bilder: Robin Canali