„Ich war von 1987 bis 1989 bei der Eisenbahngesellschaft Sibiria beschäftigt. Als ich angefangen habe, war ich 21 Jahre alt. Der Job hat mich zunächst einmal wegen der guten Bezahlung gereizt, denn mit 240 Rubel pro Monat konnte man sich damals jede Menge leisten. Vorher, als Verkäuferin, habe ich gerade mal 80 Rubel verdient. Die achtmonatige Ausbildung und die zwei Jahre, die ich als Zugbegleiterin gearbeitet habe, habe ich nie bereut. Der Job hat mir viel Spaß gemacht.

Ich fuhr immer dieselbe Strecke: Von Novosibirsk nach Moskau und wieder zurück. Der einfache Weg dauerte exakt 48 Stunden. Ich fuhr die Route zwei Mal, war also acht Tage lang unterwegs, und hatte dann ebenfalls acht Tage lang frei.

Mein Zug war ein Schnellzug, der ungefähr alle zwei Stunden Halt machte. Er bestand aus ungefähr 12 Waggons plus einem Restaurant-Wagen. Jedem Zugbegleiter oder jeder Zugbegleiterin war ein Waggon zugeordnet. Seine oder ihre Aufgaben waren, die Fahrgäste hineinzulassen, ihre Tickets zu kontrollieren, den Wagen sauber zu halten, frische Bettwäsche auszugeben und Tee zu verkaufen. Die Züge waren stets ziemlich voll, die Eisenbahn war schon damals ein Verkehrsmittel für das einfache Volk, die Tickets waren erschwinglich.

Dennoch konnte sich nicht jeder den vollen Fahrpreis leisten, doch da die Tickets bereits vor dem Einsteigen kontrolliert wurden, war Schwarzfahren gar nicht so einfach. Wer günstiger oder kostenlos mitfahren wollte, musste den Schaffner darum bitten und auf sein Verständnis hoffen. Obwohl es natürlich streng verboten war, hatten einige von uns immer wieder Mitleid und nahmen die Menschen kostenfrei mit. Keiner machte sich die Mühe, zu kontrollieren, ob Menschen ohne Ticket in unserem Waggon waren.

Transsibirische Eisenbahn - mit der russischen Bahn unterwegs

Transsibirische Eisenbahn: Blick aus dem Zugfenster | Foto: Ed von thepoloarroute.com

Die Waggons waren gemütlich und sauber. Auf der Fahrt musste wir nur schauen, dass die Toiletten in einem annehmbaren Zustand waren und einbisschen durchsaugen, in Moskau wurden sie vom Reinigungspersonal gründlich geputzt.

In Moskau, der Hauptstadt der Sowjetunion, war immer etwas los, dort tobte das Leben. Ich und viele meiner Kollegen nutzten die Möglichkeit, um sich während der Aufenthalte etwas Taschengeld dazu zu verdienen: Nachts, während alle Geschäfte geschlossen waren, konnte man mit dem Verkauf einer Flasche Wodka ein kleines Vermögen verdienen.

Während meiner Zeit als Schaffnerin bei der Sibiria habe ich nur von wenigen Unfällen gehört, einer im Jahr 1988 war jedoch sehr schlimm: Auf der Strecke zwischen Novosibirsk und Tschita, bei der Transsibirischen Eisenbahn, die zu unserem Unternehmen gehörte, waren zwei Schnellzüge direkt ineinander gerast. Die erste Hälfte der Waggons beider Züge wurden nach oben geschleudert, alle Insassen beider Züge, die sich in den ersten Hälften aufgehalten hatten, waren dabei uns Leben gekommen, darunter viele meiner Kollegen, die ich gut gekannt hatte.

Viele weitere Menschen haben schlimme Verletzungen davongetragen oder sind durch Verbrennungen entstellt worden. Als ich später schwanger war und nicht mehr als Zugbegleiterin, sondern im Servicezentrum und in Supermarkt des Bahnhofes gearbeitet habe, hatte ich oft Kunden mit schlimmen Brandverletzungen, die aus Solidarität von unserem Eisenbahnunternehmen Gutscheine für Lebensmittel bekamen, um ihr Leid etwas zu mildern. Diese Menschen zu sehen tat mir in der Seele weh, aber ansonsten war meine Zeit bei der Sibiria eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte!“

Ein Bericht von Marina H., heute 47 Jahre alt